„Format und Stil sind immer eine persönliche Quintessenz"

Interview mit MySelf-Sommelier Tobias Ludowigs

 

Herr Ludowigs, was bedeutet für Sie Lebenskultur und Stil?

Lebenskultur setzt sich natürlich viel aus den Lebensumständen zusammen, in denen man sich gerade befindet. Zudem aus Werten und Kultur – seien es die gesellschaftlichen Werte, die Kunst oder die Musik.

Und Stil hat für mich ganz viel mit den Umgangsformen zu tun. Sowohl mit den eigenen Umgangsformen als auch mit dem eigenen Werte-System.

 

Was sind denn Werte, die für Sie wichtig sind?

Werte sind ganz einfache Dinge wie eben Umgangsformen. Die Fragen: Wie gehe ich mit meinem Gegenüber um oder wie verhalte ich mich in gewissen Situationen? Umgangsformen sind maßgeblich, wenn es um persönlichen Stil geht.

 

Können Sie sich erinnern, wann Sie zum ersten Mal ein weißes Hemd mit Manschettenknöpfen getragen haben?

Ja, da habe ich in England gearbeitet, im Claridge Hotel. Hotellerie ist ja teilweise noch konservativer als das Bankgewerbe, zumindest was den Dresscode angeht. Da habe ich dann auch das erste Mal die eigenen Hemden mit Manschetten-Knöpfen getragen.

 

Wie alt waren Sie denn da?

Ich war gerade erst 19 Jahre alt. Weiße Hemden hat man nur zu besonderen Anlässen getragen, ganz klar, im Elternhaus. Ob es Weihnachten, Ostern oder in der Kirche war, man wurde in ein weißes Hemd gesteckt.

Nachher war es mehr oder weniger Teil der Uniform, der Berufsuniform. Später habe ich natürlich mehr darauf geachtet, dass ich nach und nach schönere Hemden trug aus schöneren Stoffen und mit schöneren Manschetten-Knöpfen.

 

Was ist Ihr ganz persönlicher Krawatten-Stil?

Mein Krawattenstil ist eher konservativ geprägt. Als Mann hat man allerdings auch nicht das Privileg der zahlreichen Accessoires. Dann kann es manchmal auch ein bisschen bunter oder ein bisschen gewagter werden. Das hängt sehr davon ab, in welchem Umfeld man sich bewegt. Wenn ich privat ausgehe, zum Essen oder zu einer Veranstaltung, kann die Krawatte natürlich wesentlich legerer sein als bei einem offiziellen Termin.

 

Was ist Ihre Lieblingskrawatte, wenn Sie einen offiziellen Termin haben?

Ich bin ein Krawatten-Liebhaber und habe einen ganzen Schrank voll. Es ist immer sehr tagesformabhängig: Wie fühle ich mich gerade? Aber ich tendiere zu dezenteren Mustern. Streifen kann ich inzwischen nicht mehr sehen. An Streifenkrawatten habe ich mich einfach die letzten Jahre satt gesehen. Es gibt ganz schöne dezente Muster, die man jetzt auch wieder ein bisschen reinbringen kann.

Die ganz wilden Muster wie früher die Paisley-Muster mögen zwar irgendwann wieder kommen – sie werden mit Sicherheit wiederkommen, weil sie ganz einfach Klassiker sind –, aber für mich ist es dann doch zu viel. Zumindest für den jetzigen Zeitgeschmack.

 

In der Mode und bei Stil wird viel über Zeit gesprochen. In welchem Augenblick Ihres Lebens treffen wir uns?

Persönlich zu einem sehr entspannten Zeitpunkt. Familiär, beruflich gefestigt und eigentlich zufrieden. Zufrieden, aber immer noch begierig und jung genug, um zu sagen, dass es genug Anreize gibt, etwas Neues zu erleben, etwas Neues zu unternehmen und neue Dinge anzustoßen.

Ich habe durch diese Lebenssituation, in der ich mich im Moment befinde, eine ganz andere Gelassenheit, weil ich inzwischen einfach sage: Ich kann alles, aber es muss nichts. Und das gibt natürlich auch eine gewisse Sicherheit und auch eine ganz andere Herangehensweise an bestimmte Dinge.

Ja, es ist eine sehr komfortable Situation, in der ich ganz einfach sage, ich bin Neuem immer sehr aufgeschlossen. Und ich bin ebenso in der bequemen Position zu sagen, dass ich etwas nicht tun muss, wenn es mich nicht interessiert.

 

Darum finde ich im Moment das gesamte Go-to-Market der digitalen Repräsentanz und der Geschichte von MySelf auch so spannend. Für mich auch deshalb, weil es etwas vollkommen Neues ist. Es ist eine sehr reizvolle Aufgabe.

Wir beschäftigen uns hier mit den wirklich schönen Dingen des Lebens. Außerdem sprechen wir von Genuss, der viel mit Lebenskultur und Esprit zu tun hat Dementsprechend ist das auch etwas, was man gerne tut. Dann ist auch die Zeit, die man damit verbringt, sekundär.

Meine Frau sagt immer, ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Und ich sehe es tatsächlich auch nicht unbedingt als Arbeit an, weil es so viel Freude bereitet.

 

Haben Lebenskultur und zeitlose Eleganz für Sie auch etwas mit  Quality Time zu tun?

Auf jeden Fall hat das etwas miteinander zu tun. Wir sprechen hier über Kultur. Das sind für mich die Dinge, die das Leben eigentlich erst so spannend und lebenswert machen.

Ob es die Künste sind wie Musik, Theater, Literatur. Gutes Essen und Trinken gehört mit Sicherheit auch dazu. Das sind alles Dinge, für die man sich dann auch gerne Zeit nimmt. Das ist für mich Quality Time, das ist für mich die Verbindung dazu.

 

Finden Sie, jeder darf tragen, was er möchte – oder sollte der erfolgreiche Mann von heute dringend bestimmte Dinge beachten?

Mode ist natürlich auch immer dem Zeitgeist unterworfen.

Aber für mich hat es etwas mit Stil oder sogar mit Respekt zu tun, den man seinem Gegenüber mitbringt, wie man sich in bestimmten Situationen kleidet. Ich könnte mir nicht vorstellen, in einer Jeans in die Oper zu gehen. Auch wenn es heute gesellschaftlich durchaus akzeptabel wäre. Aber es ist da für mich einfach eine Grenze überschritten. Da sage ich Nein. Das ist vom Ambiente und vom Anlass her etwas Besonderes und dementsprechend kleide ich mich auch. Wie gesagt, ich bin dementsprechend durch das Elternhaus geprägt und dann natürlich auch durch die Hotellerie. Das heißt, ich pflege den etwas konservativeren Kleidungsstil. Auch privat ist privat. Da kann man sich dann entspannter geben von der Kleidung her.

Ich habe genauso Freude an einem schönen Kleidungsstück oder an einem Schuh, den ich dann gerne trage, wie an einer guten Flasche Wein oder an einem Glas Champagner. Das sind auch Werte.

Ich kaufe mir lieber ein vernünftiges Hemd, das dann ein paar Euro mehr kostet, als fünf weitere, die ich nach drei Mal tragen wegwerfen muss, weil sie weder die Form behalten noch vom Stoff her so sind, wie ich mir das vorstelle.

Da achte ich auf Qualität. Weniger ist manchmal mehr. Und Qualität setzt sich immer wieder durch.

 

Hatten Sie als junger Mann modische Vorbilder oder Ikonen, die Sie inspiriert haben?

Weder noch. Der Kleiderstil hat viel mit der Erziehung zu tun und dem Hintergrund, den man vom Elternhaus mitbekommt.

Ich bin ganz früh von zu Hause weg, mit 18. Wurde dann, wie gesagt, durch meine Laufbahn in den Hotels geprägt – und da natürlich auch im Kleidungsstil sehr stark beeinflusst.

Ich bin dann zwischenzeitlich, wie Sie ja wissen, aus dem Hotelgewerbe ausgestiegen und habe mich kleidungsmäßig ein wenig ausgetobt. Es wurde also wesentlich farbenfroher. Das war aber auch eine Zeit Anfang der 90er-Jahre, wo Farbe durchaus eine große Rolle gespielt hat. Es gab auch dunkelrote und stahlblaue Sakkos.

 

Und heute?

Alles war früher drin, aber schlussendlich bin ich schon etwas gesetzt im Alter und meine, meinen eigenen Stil gefunden zu haben. Und der ist wieder ein bisschen lockerer als ganz früher in England oder Amerika, aber doch immer noch recht konservativ. Und auch eher auf eine Wertbeständigkeit ausgerichtet.

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Sie haben in Deutschland und im Ausland gelebt. Gibt es Unterschiede in der Lebenskultur, die Ihnen besonders aufgefallen sind?

Jedes Land, in dem ich gelebt habe, hat seine eigene Identität, seine eigene Küche und seine eigenen Traditionen. Dadurch wird natürlich auch die Lebenskultur in diesen Ländern geprägt.

England war für mich als junger Mann, als ich mit 19 oder 20 das erste Mal dort hinreiste, sehr prägend, da ich einerseits in einem sehr konservativen Hotel arbeitete, dem Claridges innerhalb der Savoy-Gruppe. Allerdings war in dieser Zeit, Anfang der 80er-Jahre, auch alles sehr konservativ.

Dann bin ich nach Amerika übergesiedelt und wurde belächelt, weil ich zur Jeanshose noch meine Budapester getragen habe. Nach dem Motto: Das ist doch total europäisch, weil normalerweise nur Turnschuhe zur Jeans getragen werden. Ich wurde dann aber in Amerika abends beim Ausgehen, in meiner lockeren Art mich zu kleiden, schräg angesehen, als wollten die Leute sagen: „Der hat ja zum Abendessen keine Krawatte um und nur ein Sakko. Das geht ja überhaupt nicht.“

In Amerika habe ich dann zum ersten Mal wiederum festgestellt, dass jemanden, der im Restaurant ohne Sakko und Krawatte auftauchte, Unverständnis erwartete. An der Ostküste vor allem, die Westküste tickt da schon ein bisschen anders. Aber die Restaurants hielten Sakkos und Krawatten bereit, wenn ein Gast nicht dementsprechend gekleidet war.

Im Savoy verhielt es sich allerdings auch so zum Afternoon Tea. Ohne Krawatte ging überhaupt nichts. Der Gast wurde dann auch nicht gerne bedient, aber das war eben England. Von Amerika hätte man denken können, dass alles ein bisschen lockerer angegangen wird, also wesentlich entspannter und nicht so steif. Aber weit gefehlt.

Wie gesagt, jedes Land hat seine eigene Kultur und seine eigene Identität. Und man muss sich als Reisender auf solche Dinge einlassen. Und im Endeffekt kann man dadurch nur gewinnen.

Überhaupt über den Tellerrand hinaus zu sehen, hilft ungemein. Nicht nur zum Reisen, sondern insgesamt zur Horizonterweiterung. Egal, ob es in der Politik ist oder in der Kunst sein mag: Dieses Offensein für Neues, und immer noch einen Wissenshunger zu haben und zu fragen, was tut sich auf der anderen Seite, was gibt es Neues, wie kommen gewisse Dinge zustande – das ist das Salz und Pfeffer des Lebens.

 

Ihre Laufbahn ist beachtlich und von vielen spannenden Weggabelungen geprägt. Ist sie ein Ergebnis von reiner Zielstrebigkeit oder auch von persönlicher Markenbildung, die sich durch all die großen und kleinen Komponenten ergibt, die wahres Format und Stil ausdrücken?

Das ist natürlich eine wahnsinnig komplexe Frage.

Format und Stil sind immer eine persönliche Quintessenz aus dem Anerzogenen, Erlebten, und natürlich auch aus den persönlichen Werten, die sich daraus entwickeln.

Man kann vieles lernen, was Stil und Umgangsformen angeht, aber man muss selbst auch seine Schlüsse daraus ziehen und sich dementsprechend verhalten. Das macht dann das Format eines Menschen aus.

Das Leben ist ein Lernprozess und es hat mich zu dem Menschen von heute geformt. Die Auslandserfahrung, die Erfahrung, die ich als junger Mensch sammeln durfte, andere Kulturen kennen zu lernen und gewisse Umgangsformen zu lernen. Die Ausbildung im Hotel, das alles hat mich als Menschen geprägt und dementsprechend habe ich meinen Stil entwickelt. All das, was in Format und Stil mit einfließt.

Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, bin ich eigentlich relativ zielstrebig. Aber das sind dann auch Dinge, die ich immer machen wollte. Ich war nie jemand, der sich irgendwo vor den Karren hat spannen lassen unter dem Motto „Mach mal.“ Und wenn ich keine Lust dazu hatte, dann habe ich es nicht getan. Das hat meinen Vater wahnsinnig gemacht während meiner Schulzeit. Aber wenn ich hinter einer Sache stehe, dann hänge ich mit dementsprechend rein. Das ziehe ich dann auch durch und bin sehr konsequent. Sonst macht das ja auch wenig Sinn.

Und vielleicht sind diese Qualitäten, die mein Gegenüber mitziehen und sie sagen lassen: Er steht dahinter und er macht und er tut. Dann ist das der richtige Mann für einen richtigen Ort.

 

Was hat Ihnen noch geholfen, sich dies alles aufzubauen?

Qualitätsdenken im Großen und Ganzen. Wo ich ganz einfach sage: Wenn ich irgendetwas möchte, möchte ich für mich die bestmöglichste Qualität erreichen und auch weitergeben. Ich möchte, wenn ich beispielsweise ein Stück Fleisch in meinem Restaurant verkaufe, das Bestmögliche haben. Den bestmöglichsten Wein – natürlich auch immer in dem Preissegment, das bezahlt wird, das versteht sich von selbst. Ich war immer ein Qualitätsfanatiker, der dem Genuss verschrieben ist.

Das bedeutet immer wieder auf der Suche zu sein nach neuen Qualitäten, nach den besonderen Dingen. Das ist es, was mich dann eigentlich auszeichnet. Und das ist ein pausenloser Antrieb, immer wieder Neues zu finden, zu verbessern oder ein besseres Produkt zu finden als das, das wir gerade verarbeiten. Aber das hat, wie gesagt, sicher auch viel mit dem eigenen Genuss zu tun, mit dem eigenen Willen, auch neue Dinge zu entdecken.

 

Sie sind ein Experte in Stilfragen, Lebenskultur und feinem Essen. Haben Sie zur Zeit einen Lieblingswein?

Ganz klar: Nein. Ich habe natürlich, wie jeder Mensch, gewisse Vorlieben.

Beim Weißwein komme ich selten am Riesling vorbei.

Aber es ist tagesformabhängig. Wo befindet man sich gerade? Sitzt man beim Essen zusammen oder „nur“ bei einem Glas Wein zu einem Gespräch. Sitzt man auf der Terrasse oder spät abends vor dem Kamin? Ich will mich nicht so versperren, zu sagen, ich trinke nur das und das.

Es gibt Leute, die sagen, nein, ich trinke nur den einen Wein. Dann hätte ich das Gefühl, ich würde zu viel verpassen. Alles zu seiner Zeit. Und wenn man den perfekten Moment erwischt, in dem man das richtige Glas Wein in der richtigen Zusammensetzung der Leute und im richtigen Ambiente trinkt, ist das ganz einfach ein Moment, zu dem ich fast nie vergesse, welchen Wein es dazu gab. Oder wann ich wo welchen Wein getrunken habe. Das sind ganz einfach die Momente des absoluten Hochgenusses. Man ist mit allen Sinnen dabei – und das kann ich nicht auf einen Wein runterbrechen.

 

Können Sie sich an Ihre erste Zigarre erinnern?

Leider nein. Ich weiß, dass ich durch meinen Bruder ans Zigarre-Rauchen gekommen bin. Und ich bin mir eigentlich zu 99,99 % sicher, dass es eine kubanische war. Anschließend habe ich nämlich auch fast nichts anderes mehr geraucht.

Man fange mit etwas Gutem an und bleibe dabei.

Ich war früher Zigaretten-Raucher, bin dann natürlich irgendwann auch mal über Zigarren gestolpert. Dann hat man irgendwann auch seine Zigarrenrunden, die sich regelmäßig treffen, und den Zigarrenhändler seines Vertrauens.

Ich war ja schon mit Herrn Schmitz zu Gange, schon seit ewigen Zeiten, der mir dann sagte, oh, Du musst noch das probieren und das probieren.

Das ist das Schöne an Zigarren wie am Wein. Man probiert diese Dinge aus und entwickelt dann auch seine gewissen Vorlieben. Das ist aber auch wieder ganz tagesformabhängig und auch umgebungsabhängig.

 

Herr Ludowigs, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

 

 

 

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